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Durch den Sarek Nationalpark in Schweden - von Norbert Stefaniak

Sarek 2006

Der Sarek ist einer der letzten naturbelassenen Nationalparks in Europa. Ein Paradies für Outdoortouristen, die für mehrere Tage ihren Hausstand, inklusive Fressalien auf dem Rücken schleppen können. Sieben unternehmungslustige Abenteurer die keine Angst vor Mücken, Regen und Kälteeinbrüchen haben, machen sich auf den Weg, um Schwedens letzte Wildnis nördlich des Polarkreises zu erkunden. Eine Sarekdurchquerung ist vergleichbar mit einer Alpenüberschreitung. Mit einem kleine Unterschied: Es gibt keine Hütten, keine Wanderwege und keine Menschenseele an die man sich wenden kann. Ganz auf sich selbst gestellt, muss man da durch. Einige leichtfertige Wanderer sind nicht zurückgekommen. ...

16.07.06 Von Magdeburg nach Gällivare
Sonntags morgens in aller Frühe, wollen wir uns in der Blumenhalle des Magdeburger Hauptbahnhofs treffen. Hartmut mit Sohn Torsten, Michael, Uwe, Jörg, Tobias und sein Vater Norbert. Einer nach dem Anderen trifft beladen mit seinem großen und schweren Rucksack ein. Nach freudiger Begrüßung werden erst einmal die schweren Ungetüme vom Rücken abgesetzt. Was haben wir uns da bloß vorgenommen? Wollen wir wirklich diese bleischweren Teile vierzehn Tage auf dem Kreuze mit uns herum schleppen?

Unsere Frauen haben uns ziehen lassen. Für sie ist diese Art von Urlaub zu aufregend und zu anstrengend. Wir, verheiratete Ehemänner und ledige Junggesellen, wollen diese Chance nutzen und alle Freiheiten genießen, die ein Urlaub unter Männern so mit sich bringen kann.
Im Zug nach Berlin sind alle gut gelaunt. Ein spannender Urlaub beginnt.

Nach dem Einchecken auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld nutzen wir die Gelegenheit und hauen uns den Magen noch einmal so richtig mit deutschem Fastfood voll. Micha und Jörg spendieren eine Runde Bier dazu. In Skandinavien zahlt man für solch ein Essen mindestens das Doppelte. Und Alkohol ist, wenn es ihn dort überhaupt gibt, fast unbezahlbar. Aber wir haben ja eigentlich alles dabei und brauchen nichts weiter, außer ein bisschen Glück und schönes Wetter.
Das Flugzeug hebt ab. Berlin wird immer kleiner und verschwindet am Horizont. Tobias ist von seinem ersten mit vollem Bewusstsein erlebten Flug begeistert. Mit drei Jahren ist er schon einmal mit mir in einer Cessna eine Runde über Magdeburg geflogen. Er kann sich aber nur daran erinnern, wenn er die alten Fotos sieht.

Schnell erreichen wir die Ostsee. Uwe spendiert eine Runde Bier an alle Durstigen von uns. In Stockholm wollen wir in den nächsten Flieger umsteigen. Aber auf dem Monitor für die abgehenden Flüge wird unser Flug nach Gällivare nicht angezeigt! Michael wird unruhig. Er hatte unsere Flüge über Internet gebucht. Wie kommen wir jetzt weiter?
Am "Check In" für die Flüge in Richtung Norden werden Uwe und Michael von einer geduldigen, netten Dame aufgeklärt. Die Fluggesellschaft hat Insolvenz angemeldet und wurde von einem anderen Unternehmen übernommen. Wir haben Glück im Unglück, unsere Tickets gelten weiter, und wir können schon am frühen Abend weiterfliegen. Auf dem Vorplatz des Flughafens überbrücken wir die zusätzliche unfreiwillige Wartezeit. Wir schlafen bei herrlichem Sonnenschein ein wenig auf schattigen Bänken, spielen Doppelkopf und trinken Kaffee aus einem Automaten.

Unser Ersatzflugzeug nach Gällivare ist wegen des ausgefallenen Fluges bis auf den letzten Platz besetzt. Die Luft wird schnell heiß und stickig, die Kunstledersitze kleben und die Propeller neben uns dröhnen ohrenbetäubend. Viele kleine und große Seen glitzern im Gegenlicht der Sonne. Für eine kurze Zeit verschwinden wir in den Wolken. Das muss die atlantische Störung sein, die im Wetterbericht vorhergesagt wurde. Bei unserer Landung in Gällivare - etwas nördlicher als der Polarkreis - erwartete uns die angenehme frische Luft Nordschwedens bei leichter Bewölkung. Jörg bestellt eine Großraumtaxe über Handy. Während des Wartens stechen uns vereinzelt die ersten Mücken und versuchen sich am frisch eingeflogenen Blut aus dem Süden zu laben. Die meisten müssen dafür mit ihrem Leben bezahlen. Die Anmeldung auf dem Zeltplatz ist am späten Sonntagabend nicht mehr besetzt. Wir suchen uns einen freien Platz und bauen unsere Zelte auf. Der Code für das Sanitärgebäude ist schnell geknackt: sieben-zwo-neun-vier, eine einfache einprägsame Rösselsprungkombination. Eine erhitzte Sauna lädt zum Schwitzen ein. Tobias und ich schmoren genüsslich noch eine Runde im Heißen, bevor wir schlafen gehen.
Wir wundern uns, dass es kurz vor Mitternacht noch fast taghell ist. Und selbst im Zelt, können wir zur mitternächtlichen Stunde noch problemlos lesen.

17.07.06 - am Vupjatädno-Fluss

Heute müssen wir früh aufstehen. Bevor unser Bus in Richtung Sarek abfährt, müssen wir noch Gaspatronen für unsere Gaskocher auftreiben. Im Flugzeug durften wir keine mitnehmen, weil das verboten ist. Gällivare ist für uns der letzte große Ort hier im hohen Nordschweden, wo es Gaspatronen geben könnte. Wenn wir keine bekommen, müssen wir uns etwas ausdenken. Wir bauen schnell unsere Zelte zusammen und gehen los, ohne zu frühstücken. Die Anmeldung am Zeltplatz ist so früh noch nicht besetzt. Wir haben keine Chance, für unsere Übernachtung zu bezahlen. Es war ja eigentlich auch gar keine richtige Übernachtung. Denn Nächte gibt es ja hier oben an den langen Polartagen nicht wirklich.
Die Tankstelle in der Nähe des Zeltplatzes hat keine Gaspatronen. Der Tankwart zeigt mir die Stelle auf dem Stadtplan, wo eine Tankstelle Gas für unsere Kocher führen soll. Und die empfohlene Tankstelle verkauft wirklich die passenden Patronen für unsere Kocher. Der Urlaub ist gerettet!!! Mit einer zusätzlichen Gaspatrone als Reserve decken wir uns mit diesem kostbaren Brennstoff ein, damit wir die nächsten Tage in der Wildnis immer anständig kochen können. Im Supermarkt ganz in der Nähe gibt es für das letzte Frühstück in der Zivilisation - für die so genannte Henkersmahlzeit - alles zu kaufen, frisches Brot und allerlei leckere Waren aus dem Kühlregal. Den heißen Kaffee dazu, erwerben wir an der Tankstelle nebenan. Unser Postbus nach Ritsem ist gut gefüllt. Viele ungewöhnlich ausschauende Wandersleute können wir beobachten. Die Fahrt durch die endlosen Weiten beginnt. Kiefern- und Birkenwälder lösen sich ab. Der Busfahrer verteilt seine Post und an jeder Station steigen ein paar Leute aus. Im Bus wird es übersichtlich. Wir erreichen den Akkajaure (Ahkajávrre).

Dies ist ein großer lang gestreckter See, an dessen Ufer wir ewig entlang fahren. Es ist auch der See, den wir am Ende unserer Busfahrt noch mit dem Boot überqueren müssen, um in den Sarek zu gelangen. Einen anderen Weg, um vom Norden aus in die letzte Naturwildnis zu gelangen, gibt es nicht, außer natürlich mit einem Hubschrauber. Nach einer kurzen Pause in Vákkudavárre am Seeufer erreichten wir die Endstation - Ritsem. Der nette Busfahrer bringt uns wieder zurück zur Bootsanlegestelle von Ritsem, an der wir vorher schon einmal gehalten hatten. Dass wir da schon raus gemusst hätten, ist uns irgendwie durch die Lappen gegangen. Jede Haltestelle unterwegs war ja auch immer in der Nähe dieses lang gestreckten Sees. Woher hätte da Hartmut wissen können, welches die letzte Station am See ist?
Wir müssen uns beeilen, denn das Boot ist schon abfahrbereit. Die Rucksäcke werden im Bug unter einer großen wasserdichten Plane verstaut, damit sie bei der Überfahrt nicht nass werden. Mit dem Boot fahren wir über den See nach Änonjálme, zum Ausgangspunkt unserer Tour. Eine junge Dame geht herum und verkauft Fahrkarten. Danach steht sie an der Theke, und wir können heißen Kaffee und einige Kleinigkeiten zum Essen bei ihr erwerben. Nach dem Anlegen gelingt es uns das letzte Mal mit dem Handy nach Hause zu telefonieren.

Wir schultern unsere massigen Rucksäcke und folgen dem Padjalantaleden, einem ausgebauten Fernwanderweg Nordschwedens und erreichen die Schutzhütte Ahkká. Eine kleine Dame prognostiziert uns: "So lange wir starken Westwind haben, bleibt das Wetter unbeständig. Und, solange ihr ausreichend Sicht habt, könnt ihr euch in den Haupttälern des Sarek kaum verlaufen, da müsst ihr schon mit dem Kopf gegen die Bergwände laufen."
Viele Birkenpilze säumen unseren weiteren Weg. Ich kann sie einfach nicht stehen lassen und sammele sie ein. Wir nähern uns einem reißenden Fluss. Eine große Hängebrücke, die nur einzeln begangen werden darf, überspannt ihn. Gleich in der Nähe richten wir unseren ersten Lagerplatz ein. Tobias hatte seine Mütze an der Schutzhütte vergessen und läuft noch einmal zurück. Inzwischen koche ich eine deftige Pilzsuppe. Einen Teil der Suppe bringe ich zum Kosten zu den Anderen. Sie verschütten etwas von der Suppe, da alle gierig kosten wollen. Tobias und ich verspeisen zum Abendbrot nach den Pilzen noch ein Aldi-Eisbein. Für den Rest der Tour haben wir dann nur noch Trockenfutter - Müsli, Pudding, Tütensuppen, Kartoffelbrei, Salami und Knoblauch zur Geschmacksverbesserung.

Abends am Feuer näht Hartmut eine aufgerissene Naht an seiner nagelneuen Wanderhose. Trotz heißem Tees mit etwas Grog, wird es am kleinen Feuer bald ungemütlich. Ein frischer, feuchter Westwind kommt auf und die vielen schnell ziehenden Wolken künden schlechtes Wetter an.
Egal wie das Wetter wird, wir haben alles im Rucksack, genug zu essen, warme und regendichte Kleidung, eine weiche Luftmatratze, einen warmen Schlafsack. All das, was wir benötigen, um die weite raue Natur am Polarkreis mit vollen Zügen genießen zu können.

18.07.06 - Irgendwo im Nirgendwo im Sarek
Morgens ist es unangenehm frisch, es nieselt leicht, um acht sind es nur 6°C und es ist windig. Es ist das von Hartmut angekündigte Wetter, so wie es in Nordschweden immer sein soll. Unbeständig - regnerisch - kalt. Nur die vielen von ihm angekündigten Mückenschwärme haben uns bisher noch nicht wirklich belästigt. Der warme Schokomüslipudding und eine heiße Tasse Kaffee wecken die Lebensgeister in uns.

Nach dem Abbau der Zelte, bei feuchter Luft, ziehen wir gleich unsere Regensachen an. Die Rucksäcke verpacken wir in Regenschutzhüllen. Bei leichtem Nieselregen starten wir gegen zehn Uhr. Der Padjalantaleden - ein langer Fernwanderweg durch mehrere Regionen Nordschwedens - führt uns durch Birkenwälder, Krummholz und auf Holzstegen über die mit Wollgras übersäten Moorwiesen. Ein Wanderer mit vielen Rentiergeweihen am Rucksack kommt uns entgegen. Bei dem Gedanken auch welche zu finden und mitzunehmen, wird Tobias ganz unruhig. Wir gelangen an eine für den Fernwanderweg typische Raststätte, mit Tisch, Bänken, einer Hütte für Abfall und einem Herzhäuschen. Wir sind froh die drückenden Rucksäcke endlich einmal absetzen zu können. Eine andere Truppe packt gerade zusammen. Sie hatten die letzte Nacht gleich neben diesem Rastplatz gezeltet. Wir genießen das klare Gebirgswasser - aufgebessert mit Brausetablettengeschmack - und knabbern ein wenig Schokolade und Müsli. Zur Mittagszeit erreichen wir einen trüben Gletscherfluss. Über eine schaukelnde Hängebrücke gelangen wir an das andere Ufer.

Ein paar große Steine am Flussufer laden zur Mittagspause ein. Wir bereiten uns leckeren Kräuterkartoffelbrei mit Salami und Knoblauch. Als Dessert gibt's ein bisschen Schokolade und einen heißen Kaffee. Unglaublich, da schleicht doch ein Rentier durch den Wald. Es ist das erste frei herumlaufende Rentier, das wir sehen. In der Nähe unseres Rastplatzes treffen drei Nationalparks aufeinander: Der Padjalanta, der Stora Sjöfallet und der Sarek. Nach dem Gruppenbild vor den drei großen Anzeigetafeln verlassen wir den gepflegten Padjalantaleden und damit den Touristenwanderweg und gehen auf schmalen Rentierpfaden in den wilden, natur belassenen Sarek. Wir folgen dem Sjnjuvtjudisjáhká, einem Trampelpfad unterhalb des nur zur Hälfte zu sehenden Gipfels Sjnjuvtjudis. Alle Berggipfel sind in graue Wolken eingehüllt. Bei leichtem Regen und unange-nehm kräftig blasendem Wind suchen wir ca. eine Stunde nach einem geschützten Rastplatz für die Nacht. Wir entscheiden uns für eine windgeschützte Stelle direkt am Fluss und hoffen, dass das Wasser diese Nacht nicht ansteigen wird. Schon kurz vor acht liegen wir bei Wind, Regen und nur noch 6°C auf der Matratze im warmen Schlafsack.

19.07.06 - Ruohtesvágge

Regenschauer wecken uns an diesem Morgen. Immer, wenn es fast aufhört zu regnen, wird der Regen wieder stärker. Wir ignorieren das, drehen uns noch einmal um und versuchen weiter zu schlafen. Hartmut, von der senilen Bettflucht geplagt, steht, wie immer, als erster auf und verkündet: "Das ist nicht nur gewöhnlicher Regen, sondern Eisregen". Schnell mummeln wir uns noch einmal tief in die warmen Schlafsäcke, setzen die Kapuzen auf und schließen alle undichten Stellen gegen die Kälte ab. Nur die Nase zum Luftholen schaut noch heraus. Wir verschieben das Aufstehen und das Frühstück auf später und hoffen, dass wenigstens der Regen irgendwann ein wenig nachlässt. So richtig hat es noch nicht aufgehört zuregnen, als uns der Hunger aus den Säcken treibt. Wir ziehen all unsere warme Bekleidung an, die wir dabei haben, und gönnen uns angenehm heißen Müslipudding. Uwe verkündet: "Ich habe GPS-Empfang." Das GPS-Gerät ist nur ein Teil der Hightechausrüstung von Uwe. Seine atmungsaktiven Klamotten sind die besten auf dem Markt, und sein Kocher braucht eigentlich fast gar kein Gas mehr.

Nach einigen Unstimmigkeiten über unterschiedliche Koordinatensysteme können wir sogar unseren Standort auf der Karte bestimmen. Die gute Kamera von Uwe darf ich ein Weilchen tragen. Das Filmen ist sein Hobby. Von seinem Amazonasurlaub hat er ein einzigartiges Video zusammen geschnitten. Behutsam zeichne ich kurze Sequenzen auf, eine sich unbeobachtet fühlende Rentierherde am Fluss und Tobias mit einigen der vielen hier herumliegenden Rentiergeweihen. Unglaublich, die Sonne bricht durch und erlaubt uns die erste Sicht auf die uns umgebenen Berge. [Bild nicht gefunden] Plötzlich ist der Akku der Kamera entladen. Das dürfte eigentlich nicht möglich sein, da der Akku für mindestens zehn "Filmstunden" ausgelegt ist. Alle Kameras schalten doch trotz Aufnahmebereitschaft schon nach kurzer Zeit automatisch ab?! Ich habe Schuldgefühle, weiß aber nicht, was ich falsch gemacht habe. Uwe hat nur diesen einen Akku mitgenommen ...
Auf einer schönen großen weichen Wiese in der Nähe eines kleinen Bächleins schlagen wir unser Nachtlager auf. Links und rechts des Tales erheben sich imposante Bergketten und in der Mitte läuft ein kleines Flüsschen. Die Dame an der Hütte hatte Recht, verlaufen im Sarek kann man sich eigentlich nicht, da muss man schon gegen einen Berg laufen. Holz zum Feuern ist weit und breit nicht auszumachen. Die Baumgrenze ist nördlich des Polarkreises, so auch hier oben im Sarek, ziemlich niedrig. So verzehren wir eben unsere Tütensuppen ohne gemütliches Feuer an diesem Abend. Mit reichlich Knoblauch habe ich die Suppe geschmacklich aufgebessert. Später im Zelt stellen wir fest: Knoblauchgeruch überdeckt den Körperduft.
Hartmut reicht es heute Abend. Er will sich endlich gründlich waschen gehen. Unbemerkt, abwärts eines Bächleins gönnt er sich eine Komplettwäsche im kalten Bach. Und den Bart schert er sich auch noch ab. Michael muss fast einen halben Kilometer laufen um eine Stelle zu finden, an der er hinter einem großen Stein ungestört seine Notdurft verrichten kann. Tobias klagt über Schmerzen an der Achillessehne. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Hoffentlich hält er noch ein bisschen durch. Im letzten Herbst sind wir zusammen mit dem Fahrrad von Magdeburg an die Ostsee gefahren. Auf dem Rückweg musste ich in Ludwigslust wegen starker Schmerzen an der Achillessehne aufgeben.
Auf meinem Thermometer messe ich 4,2 °C, als wir abends ins Zelt verschwinden. Also wieder alle Sachen anziehen, tief in den Schlafsack, Kapuze auf und so zuziehen, dass nur noch die Nasenspitze herausschaut.

20.07.06 - Smaila Brücke
Seltsam, morgens beim Aufstehen ist es wärmer als am Abend zuvor. Es sind 8°C, es regnet nicht, aber eine geschlossene Wolkendecke lässt der Sonne keine Chance. Wir beschließen es Hartmut nachzutun und begeben uns mit Handtuch und Seife in Richtung des kalten, klaren Gebirgsbächleins. Wir finden eine geeignete Stelle zum Waschen und beginnen uns ganz vorsichtig am Rande des Wassers einzuseifen. Den ganzen Körper voller Schaum gibt es nur eine Möglichkeit ihn wieder los zu werden, kurz abtauchen. Das Zusammenpacken nach dem Frühstück wird zur Routine. Alles hat längst seinen Platz. Außer bei Team Torsten und Hartmut, sie sortieren ewig, irgendwie teilen sie den Inhalt ihrer Rucksäcke jeden Tag aufs Neue auf und tagsüber wissen sie nicht mehr genau, wer welche Sachen im Rucksack hat.
Die Wolken lockern sich langsam auf. Die Sonne kommt immer öfter durch. Aus einem Seitental strömt ein von einem Gletscher gespeistes, mäanderndes Gewässer in unser Bächlein. Mehrere kleine, in der Sonne glitzernde Wasserläufe fließen zusammen. Wir müssen auf die andere Seite des inzwischen munter sprudelnden kleinen Flusses. Das Wasser ist trübe, weil es vom Gletscher kommt. Es ist gar nicht so einfach, eine Stelle zu finden, wo wir, über Steine springend, die andere Seite erreichen können. Die vielen hier herüber gezogenen Eiszeiten haben alles zermalmt. Es ist nur noch grober, glatt geschliffener Kies übrig geblieben. Das Wasser fließt in mehreren Läufen parallel, strömt zusammen und fließt wieder auseinander. Ohne nass zu werden, kommen wir da nicht rüber. Also Schuhe und Strümpfe aus, Hosen hochgekrempelt, barfuss in die Sandalen und ab durch das kalte Wasser. Auf der anderen Seite angekommen, suchen wir einen Weg, finden aber nur noch Rentiertrampelpfade. Wir wählen den am meisten ausgetretenen und trotten weiter durch das lang gezogene Tal - Ruohtesvágge. Die Spuren der Rentiere verlieren sich. Wir umgehen Moorwiesen und queren viele klare, munter sprudelnde Bäche. So ganz ohne Wege macht das Wandern erst richtig Spaß. Michael und Jörg sind erst später auf die andere Seite des Flusses gewechselt. Aber ohne die Schuhe auszuziehen, haben auch sie es nicht geschafft. Wir essen zusammen zum Mittag. Hartmut, der für die Tourenplanung verantwortlich war, verweist auf die Schlüsselstelle in unserem Urlaub, die Smaila Brücke: "Wenn die Brücke noch nicht über dem Fluss liegt, kommen wir nicht weiter und wir müssen umkehren." Er erläutert: "Die Brücke wird jeden Herbst zurückgebaut und erst im späten Frühjahr nach der Schneeschmelze, wenn das Wasser weit genug zurückgegangen ist, wieder eingeschoben." Diese Aktion ist wasserstandsabhängig. Hoffentlich hat dieser Akt in diesem Jahr schon stattgefunden. Das Wetter wird unglaublich schön. Die Sonne scheint durchweg und erwärmt das Tal.

Alle uns umgebenen Berge sind zu sehen und heben sich vom azurblauen Himmel ab, ihre weißen schneebedeckten Gipfel glitzern in der Sonne. Wir erreichen die Stelle, wo die Brücke liegen soll - und tatsächlich, diese Gangway, die für unser Weiterkommen so wichtig ist, liegt genau an der Stelle, wo sie hingehört. Morgen früh, können wir dann, den hier schon stark strömenden Fluss ohne Probleme mühelos überwinden. Kurz vor der Smaila Brücke ist eine schöne ebene Wiese auf der wir prima zelten können. Ein starker Wind stört uns, während wir die Zelte aufbauen. Lose Sachen müssen wir mit Steinen beschweren damit sie nicht wegfliegen. Der Fluss hat sich hier tief in das Gelände eingegraben. So ähnlich wie im Harz, wo die Bode im Bodetal den Hexenkessel ausgewaschen hat, sieht es hier auch aus. Nur ist alles viel größer und mehrere von solchen Hexenkesseln sind hier hintereinander vom Schmelzwasser eingeschliffen worden.
Gleich an der Smaila Brücke befindet sich eine kleine Schutzhütte. Sie dient als Notunterkunft, ist mit Satellitentelefon ausgestattet und ein Herzhäuschen wurde in ihrer Nähe aufgestellt. Es ist die einzige Schutzhütte, die es in diesem Gebirge gibt. Unglaublich wie viel Luxus dieses kleine "Örtchen" bietet, um endlich, ganz in Ruhe, sitzend, unbeobachtet und ohne Wind und Mücken, ein ganz natürliches Bedürfnis befriedigen zu können. An der Stelle, wo wir uns unten am Fluss prima waschen können, ist das Wasser seicht und der Wind kaum zu spüren. Die Erfrischung tut allen gut. Zufrieden und bei einer Tasse heißem Tee beobachten wir nach dem Abendbrot die nicht enden wollende Abenddämmerung. Unsere Plane, die wir sonst immer unters Zelt gelegt haben, muss weggeflogen sein. Auch am nächsten Morgen können wir sie nicht wiederfinden. Für die kommenden Nächte borgt Uwe uns eine Plane. Er hat einfach alles dabei, muss dafür aber auch den schwersten Rucksack schleppen. Alle anderen teilen sich Zelt Kocher und Töpfe je zu zweit. Uwe schläft alleine in seinem kleinen Zelt. Der Himmel ist ohne Wolken, die Sonne verschwindet hinter den Bergen, der scharfe Wind wird empfindlich kalt. Obwohl wir uns alle warm angezogen haben, bleibt es ungemütlich. Der besser wärmende Schlafsack im windgeschützten Zelt ruft. Einer nach dem anderen verschwindet in seinem Zelt.


21.07.06 - Das Tal Bastavágge

Smaila Brücke 6:20 Uhr. Immer diese senile Bettflucht, mich treibt es raus und ich mache einen kleinen Rundgang. Es sind nur 3°C im Zelt. Draußen ist alles weiß und mit Raureif bedeckt. Es ist windstill. Die Sonne schickt ihre ersten wärmenden Strahlen ins frostige Tal. Schnell verschwinde ich noch einmal zurück in den warmen Schlafsack. Von angenehmen 16°C im Zelt werden wir gegen acht Uhr von der Sonne geweckt. Der Himmel ist azurblau, der Raureif ist geschmolzen, es herrscht totale Windstille, endlich wird es behaglich warm - endlich Sommerurlaub.
Nach dem Frühstück unternimmt Hartmut mit seinem Fotoapparat einen Rundgang. Er macht wunderschöne Aufnahmen. "So ein untypisches Wetter" sagt er und ergänzt scherzhaft: "dass ich so was hier oben im Sarek noch erleben darf" Es dauert ewig mit dem Loskommen. Alle genießen die warme Sonne und die prachtvolle Aussicht vom Zeltplatz. Erst gegen Mittag brechen wir auf. Kurzärmelig, mit frisch aufgetragenem Lichtschutzfaktor und bebrillt mit dunklen Gläsern kommen wir uns vor, wie Sonntagsausgehspazier-gänger, die bei schönem Wetter auf den Brocken wandern wollen.
Das Rapadalental lassen wir rechts liegen und gehen links in das Tal Pastavagge. Viele Seen unterschied-lichster Größe bieten ein idyllisches Panorama. Ein Rentier poussiert förmlich vor Hartmuts Kamera. Er nutzt die Chance und schießt ein paar Fotos. Wenn wir uns umschauen, grüßt immer noch der große Berg am Horizont, an dessen Fuß wir letzte Nacht gezeltet haben. Sooft wir uns auch umblicken, er wird kaum kleiner dieser mächtige Berg der Ruotes an der Smaila Brücke. Tobias Achillessehnen schmerzen wieder. Er zieht die schweren Schuhe aus und läuft mit Sandalen weiter. Kurz vor unserem abgesteckten Tagesziel finden wir einen schönen Zeltplatz zwischen zwei Bachläufen. Es ist unglaublich, subtropisches Klima am Polarkreis! Und dazu Sonnenschein, fast 24 Stunden am Tag. Der "Planet" verwöhnt uns. In den mitteleuropäischen Breiten schlägt ein Hitzerekord den anderen. Bei 35 °C im Schatten schwitzen die Deutschen in der Heimat und müssen die heißeste Woche des Jahres 2006 ertragen. Wir breiten all unsere Sachen zum Lüften aus, baden im kalten Wildwasser und waschen einige unserer durchgeschwitzten Klamotten. Das 15 Meter lange Seil, welches wir für schwierige Flussquerungen mitgenommen haben, dient jetzt als Wäscheleine. Mit unseren Wanderstöcken müssen wir ein paar Stützen unterbauen, damit die Wäsche nicht am Boden schleift. Jörg nutzt den milden Abend und unternimmt eine kleine Solotour ins Seitental. Uwe hat sich vorgenommen, den Urlaub über keinen Alkohol zu trinken. Heute Abend wird er schwach. Da er schlecht schläft und jeden Morgen von der senilen Bettflucht geplagt wird, lässt er sich zu einem Betthupferl überreden und verbessert, erstmals in diesem Urlaub, den Geschmack seines Tees mit etwas Rum von Michael. Bei lauen 15°C, scheint die Sonne um neun Uhr abends beim "zum Schlafsack gehen" immer noch in unser Tal - wunderprächtig.

22.07.06 - Rinim
Putzmunter gegen 6:00 Uhr krauche ich aus unserem Zelt. Die Sonne hat unseren Lagerplatz noch nicht erreicht. Nur die Berggipfel, die aus dem Tal herausschauen, leuchten im Sonnenlicht.
Heute Morgen ist es angenehm warm. Es weht überhaupt kein Lüftchen. Zwischen dem leisen Plätschern des Baches vernehme ich etwas Mysteriöses. Der dem Zeltplatz am nächsten gelegene, von der Sonne schon beschienene Gipfel zieht mich magisch an. "Der Berg ruft". Meine Augen suchen schon einen leichten Aufstieg. So muss es vielen gehen, die daheim vom Fernweh geplagt, es nicht lassen können, immer wieder aufbrechen und ihr geschütztes Heim verlassen, um erneut die Welt zu erkunden. Alle schlafen noch und ohne mein Ziel aus den Augen zu lassen, ziehe ich meine Sandalen an. Ohne Gepäck wandere ich am Liebsten mit bequemen Sandalen. Diese Fußbekleidung hat mich schon von Magdeburg bis an die Ostsee getragen. Langsam beginne ich aufzusteigen. Die Zelte werden immer kleiner, aber der Gipfel kommt kaum näher. Der Weg nach oben ist weiter als ich angenommen habe. Eine mir unbekannte weißbläulich blühende Pflanze, die ich bisher im Sarek noch nicht gesehen habe, wächst hier wie Unkraut. Auf halber Höhe erreiche ich einen zugefrorenen See. Ich setze mich auf einen Stein und beobachte den Sonnenaufgang zwischen den Bergen. Die Zelte unten im Tal sind nur noch stecknadelkopfgroß. Der Weg zur Spitze des Berges geht weiter über steil ansteigende Geröllfelder. Das Rufen des Berges wird immer leiser. Ich werde vernünftig und entschließe mich, wieder abzusteigen. Als ich zurückkomme, sind alle schon munter. Es ist erst sieben, aber alle kramen schon herum. Wir haben heute einen langen Weg vor uns. Ich nutze den angenehm warmen Morgen und nehme noch einmal ein Vollbad im kühlen Gewässer des Baches. Als wir gegen zehn Uhr aufbrechen, bläst ein frischer Wind. Es wird kühler. Hartmut fotografiert den großen Berg hinter der Smaila-Brücke ein letztes Mal, ehe dieser endgültig nach der nächsten Wegbiegung verschwindet. Holprige Felsbrocken lösen die saftigen grünen Bergwiesen ab. Wir stolpern über Geröllhalden. Hartmut sagt: "Jetzt befinden wir uns im Afghanistan des Nordens." Wir gewinnen an Höhe und erreichen den Fuß eines Gletschers, der aus einem Seitental in unser Tal mündet. Die schweren Rucksäcke setzen wir ab und lassen sie einfach stehen. Wir betreten den in der Sonne glitzernden Gletscher und stapfen durch wohltuend weichen Schnee nach oben - der Sonne entgegen. Auf dem oberen Teil des Gletschers angekommen, haben wir den höchsten Punkt unserer Sarek Durchquerung erreicht. Wir können uns gar nicht satt sehen an dieser schönen weißen, schneebedeckten alpinen Landschaft. Wir verweilen ein wenig, versuchen die Stimmung aufs Zelluloid zu bannen.

Wehmütig beginnen wir mit dem Abstieg und finden auch unsere Rucksäcke zwischen dem zerklüfteten Geröll nach einigem Suchen wieder. Neben den vielen grob gebröckelten Felsen sind aber auch wunderschön schillernde Bäche anzuschauen. Ein Stückchen Bach, eingerahmt von mit saftigem Moos überwucherten Wiesen, möchte ich am liebsten mit nach Hause nehmen. Plötzlich während der Mittagspause wird der Himmel grau und ein starker Wind kommt auf. Der Himmel sieht so bedrohlich aus, dass ich gleich meine Regensachen anziehe. Mehrere große Rentierherden ziehen durch unser Tal. Sie kommen uns entgegen, laufen aber auf der anderen Seite des Flusses. Wir haben Glück, es beginnt nicht zu regnen. Irgendetwas ist mit Torsten. Er muss immer öfter pausieren. Wir gehen heute unsere bisher längste Tour. Daran kann es bei Torsten aber nicht liegen, denn er ist doch immer vorn weggelaufen. Wir verlassen die schroffen Berge und erreichen weiche, saftige, versumpfte Wiesen. Das Tagesziel haben wir schon vor Augen, da beginnen die Mücken zu piesacken. Autan, bisher nicht gebraucht, wird aufgetragen und hilft. Die Mücken umschwärmen uns jetzt mit respektvollem Abstand. Der große Sijddojávrre-See an dem wir heute Abend zelten wollen, ist schon zu sehen. Dieser See ist der zweite "Knackpunkt" in Hartmuts Unterlagen. Das Gewässer ist 22 Kilometer lang und sehr seicht. Zum Übersetzen sind wir auf die in der Sommerperiode hier lebende Samenfamilie und ausreichend Wasserstand angewiesen. Der Platz zum Zelten ist recht uneben und steinig. Störende Pflanzen und Wurzeln müssen wir roden und den Platz für unsere Zelte ebnen. Unten am Ufer zwischen den Birken steht die Hütte unseres Fährmannes für die Überfahrt. Uwe, Jörg und Hartmut gehen dorthin um nach einer Überfahrtmög-lichkeit zu fragen. Unser jüngster Pyromane, Tobias, ist nach drei Tagen ohne Feuer kaum zu bremsen. Schnell hat er Birkenholz gesammelt und ein Feuer entzündet. Als die Drei zurückkommen und die frohe Botschaft verkünden: "Morgen ab 10:00 Uhr steht der Kapitän mit seinen Booten für uns zur Verfügung", brennt sein Feuer schon lichterloh. Torsten geht es schlecht, er will nur noch Kräutertee heute Abend. Schnell verschwindet er im Zelt. Gut, dass wir morgen unsere schweren Rucksäcke nicht schleppen brauchen und nur eine etwas längere Bootsfahrt vor uns haben. Zum ersten Mal werden jetzt die Mücken richtig lästig. Trotz Autan und Feuer kann ich nicht ungestört meine Tütensuppe löffeln. Langsam gehend, sind die Moskitos nicht ganz so lästig. Dies ist mein erstes Abendbrot, welches ich gehenderweise zu mir nehme. Nach dem Abendbrot wechseln sich, bei starkem Wind, Sonnenschein und Regen ab. Das einmalig schöne Panorama, die Abendstimmung am Feuer und dieses typische nordische wechselhafte Wetter, muss man mit allen Sinnen erleben. Fotos im warmen, windstillen Wohnzimmer angeschaut, lassen nur erahnen, was wir hier empfinden. Drohende dunkle Wolken kommen auf, kräftige Windböen vertreiben die lästigen Mücken. Die Wolken ziehen schnell und das Wetter ist so wechselhaft, dass es sich die nächste Viertelstunde nicht mehr voraussagen lässt. Nachts kommt ein starker Sturm auf. Draußen treffe ich Hartmut. Auch er ist dabei, alle Zeltleinen zu kontrollieren und noch einmal richtig zu verzurren. Von der Seite, woher der Wind drückt, lege ich zusätzlich große Steine auf die Heringe.

23.07.06 - Njunjes
Hartmut weckt uns heute schon kurz nach sieben. Er ist aufgeregt, ob das mit der Bootsfahrt alles so klappen wird und hofft, dass es Torsten wieder besser geht. Windböen zerren noch immer an den Zeltleinen. Kurze Schauer trommeln gegen das Zelt. Aber es sind heute schon beachtliche 17°C in unserem Zelt. Die Sonne scheint uns verlassen zu haben. Dunkle Wolken eilen am Himmel entlang. Da müssen die Regensachen wieder griffbereit eingepackt werden. Um zehn Uhr erscheinen wir auf dem Grundstück unseres Bootsmannes, der uns über den See bringen soll. So früh hat aber hier wirklich keiner mit uns gerechnet. Die Uhren ticken hier noch langsam. Zwei kleine Hunde, zwei Kinder und zwei Frauen sind in heller Aufregung. Wir sollen wegen dem niedrigen Wasserstand des Sees mit zwei Booten zum anderen Ufer gebracht werden. Aber so schnell geht das nicht. Erst muss mit vereinten Kräften das andere Boot zu Wasser gelassen und das Rege nwasser ausgeschöpft werden. Dann wird der Außenbordmotor angebracht und der Tank gefüllt. Nach zwei Stunden können endlich Tobias, Uwe und Michael in das Boot steigen, das die Frau unseres Bootsmannes steuert. Bei dem Versuch den Motor zu starten, fällt Michael fast ins Wasser. Endlich springt der Motor an, wir können abfahren. Der See ist sehr flach. Der Weg ist mit Stäben und Plastkanistern, die wie Bojen verankert sind, gekennzeichnet. Unser Fährmann zeigt was er kann. Mit rasantem Tempo überholt er das andere Boot und umkurvt die Untiefen im See. Nach ca. einer halben Stunde haben wir den flachen Bereich mit den vielen Untiefen passiert und erreichen tieferes Wasser. Jetzt können wir mit einem Boot weiterfahren.Nach dem wackligen Umsteigen verabschiedet sich seine Frau und fährt zurück. Noch fast eine ganze Stunde brausen wir über den See, ehe wir unser Ziel erreichen. Kaum sind wir am Bootssteg ausgestiegen, werden wir von einem hungrigen Mückenschwarm begrüßt. Schnell ist ein bisschen "lappländisches Samendeo" (Autan) aufgetragen und die Mücken sind nicht mehr ganz so lästig. Da wir heute noch ein bisschen Zeit haben, wollen wir versuchen, bei der in der Nähe liegenden Samensiedlung Svijnne ein paar Fische zum Mittag zu kaufen. Der Weg ist nicht einfach. Er verläuft sich auf einer weichen immer nasser werdenden Moorwiese. Erst versucht Jörg einen Weg zu finden. Dann übernimmt Hartmut die Führung. Wir erreichen eine verfallene Siedlung. Gleich dahinter liegt die bewohnte Ansiedlung. Wir sprechen einen Samen an und fragen, ob wir Räucherfisch kaufen können. Er gibt uns zu verstehen: "Heute ist Sonntag, da gibt es keinen Räucherfisch" und bringt einen Eimer, gefüllt mit frischen Fischen. Torsten sucht die sieben Besten davon aus, und Michael bezahlt dafür nur schlappe 105 Kronen (ca 11€). Der Same bietet uns sein Räucherzelt zum Kochen an. Tobias hat schnell ein Feuer entfacht und brät mit Torsten die Fische auf dem Grill mit Öl und Zwiebeln. Endlich nach einer Woche Trockenfutter, wieder etwas Frisches zum Beißen. Die Fische schmecken vorzüglich. Beim Verlassen unseres Rastplatzes entdecken wir an einem Haus eine Waage. Wir wiegen unsere Rucksäcke. Uwe hat 26, Hartmut fast 25, Michael 24, Jörg 22, Torsten 24, Tobias 16 und ich habe 20 kg zu schleppen. Aus dem Haus schaut ein Same zu und amüsiert sich über unser Treiben. Das Wetter ist vom Feinsten. Die Sonne scheint und begleitet uns bis zum empfohlenen Nachtlagerplatz, einer kleinen Anhöhe mit einem super Rundumblick. Wären wir noch weiter aufgestiegen, hätten wir kein Wasser mehr gefunden. Wir stellen die Zelte auf und breiten unsere Schlafsäcke zum Lüften im Freien aus. Ein großer Ring um die Sonne aus Eiswolken glitzert in allen Spektralfarben. Dieses Naturphänomen nennt sich Halo und kündet kaltes, aber schönes Wetter an. Das wechselhafte, stürmische Wetter hat sich wieder beruhigt. Wir erleben eine herrliche Abenddämmerung. Von unserer Anhöhe aus können wir ein riesiges Tal überblicken. Wir sehen alle Orte, wo wir heute unsere Spuren hinterlassen haben, den Sarek, den großen Sitojaure-See und die an ihm liegende Samensiedlung Svijnne. Abends in lustiger Runde am Feuer verkündet Michael seinen Spruch des Tages: "Am Anfang der Tour haben wir uns nur über Frauen unterhalten, jetzt nur noch übers Bier".
Die durch den Halo angekündigte Kälte kommt schneller als erwartet. Selbst am heißen Lagerfeuer wird es ungemütlich. Die Schlafsäcke von Tobias und mir liegen noch zum Lüften draußen und sind schon klamm, nass und beschlagen. Wir haben vergessen, sie rechzeitig ins Zelt zu legen. Die Außenseite liegt unten und ist noch trocken. Ich drehe den Schlafsack um, kehre das innere nach außen und ziehe mich warm an. Es dauert ewig, bis es mir wärmer wird und ich einschlafen kann. Eines ist gewiss, morgen wird ein schöner Tag. Der Halo um die Sonne hat ja nicht nur Kälte für die Nacht angekündigt, sondern er verspricht auch Sonnenschein für den kommenden Tag.

24.07.06 - Aktse
Früh um vier scheint schon die Sonne, ist es windstill, im Zelt sind es 6°C. Schnell drehe ich mich noch einmal um und schlummere noch ein wenig. Um sieben wird es im Zelt zu warm zum Schlafen. Es sind jetzt schon 21°C im Zelt, ich stehe auf. Hartmut hat sich schon in seiner zusammenfaltbaren Waschschüssel gewaschen und genießt bei einem frischen Kaffee die schöne Aussicht über das weite Tal mit dem großem See und dem Sarek. Er sagt zu Jörg: "Ihr habt es gut, ihr könnt ja noch viele solcher Urlaube machen". ... An der zugewachsenen Wasserstelle tummeln sich die Mücken. Schnell die Waschschüssel ins Wasser eingetaucht und zurück ins Freie. Die Mücken sind ohne Autan gerade so noch zu ertragen. Heute Abend werden wir die erste bewirtschaftete Hütte erreichen und ein Bier trinken können. Uwe verkündet nach dem Waschen seinen Spruch des Tages: "Nach dem Bier, kann die Samin dann kommen."
Unsere Wasserflaschen füllen wir nach dem Frühstück alle randvoll, denn die nächsten Stunden werden wir an dem vor uns liegenden Bergmassiv kein Wasser finden. Immer, wenn wir glauben, wir haben den Gipfel erreicht, geht es noch weiter aufwärts. Endlich, ganz oben angekommen, rasten wir zum Mittag. Eine wunderschöne Rundumsicht zeigt uns unseren weiteren Weg und lässt uns eine letzte Sicht auf die Route der vergangenen zwei Tage. So ein lang anhaltendes prächtiges Wetter, sagt Hartmut, hat er in Nordschweden noch nicht erlebt. Bei unserer nächsten Rast, kurz vor dem Abstieg nach Aktse, lasse ich meine Sonnenbrille liegen. Nach einem langen mühevollen Abstieg bei Hitze, Sonnenschein und bissigen Mücken erreichen wir stolpernd die Hütte in Aktse am Kungsleden. Hier können wir unser erstes "Leichtbier" schlürfen. Räucherfisch kaufen wir in einer nahe liegenden Samenhütte. Er ist ausreichend für ein Abendbrot für uns alle. Der Fisch will schwimmen. Nach dem Essen und beim Bier wird heftig über Reservetage diskutiert. Hartmut ist junger Rentner, hat Zeit und genießt mit vollen Zügen, seinen vermutlich letzten Urlaub in Nordschweden. Jörg ist gerade Vater geworden, wohnt in einem halbfertigen Haus und verbringt täglich vier Stunden im Zug, hin und zurück zur Arbeit. Bei ihm zählt jede Minute.
Die Doppelkopfrunde findet sich wieder und geschützt vor den Mücken wird in der Mehrzweckhütte zünftig gespielt. Uwe, unser bester Spieler will eine "Hochzeit" nach Unten abgeben. Er hatte eine "Alte und zwei Dullen" - und versaut Tobias und sich selbst das Spiel des Tages. Sie hätten uns "offen" schwarz gespielt.

25.07.06 - Am Kungsleden
Es ist nicht zu glauben, auch heute Morgen ist strahlender Sonnenschein. Neben der Hütte am Bach steht eine ständig laufende Kaltwasserdusche. Sie hat einen Vorhang als Sichtschutz. Die Mücken umkreisen die Kabine und warten auf ihre Opfer. Tobias zeigt mir seine Einstiche an den Oberschenkeln. Ohne Blut zu lassen, schafft das Duschen hier keiner. In der Hütte hängt ein großer Spiegel an der Wand. Nach so vielen Tagen kann ich mich das erste Mal wieder in einem Spiegel betrachten. Wie ein Strauchdieb sehe ich aus. Das letzte Mal hatte ich mich zu Hause rasiert. Ich hänge den großen Spiegel ab, trage ihn nach draußen, stelle ihn auf die Außentreppe und setze auf dem Kocher in der Hütte Wasser zum Rasieren an. Vor der Hütte auf den breiten Treppen-stufen und bei schönstem Sonnenschein kratzen sich dann Hartmut und ich, die Bartstoppeln mit angenehm warmem Wasser aus dem Gesicht.
Heute wollen wir mit dem Motorboot über den vor uns liegenden Laitaure-See zum anderen Ufer. Beim Frühstück um zehn erfahren wir, dass es einen Fahrplan für das Motorboot gibt. Es fährt nur morgens um neun und nachmittags um halb fünf. Das hätten die Leute vom Laden uns ruhig schon gestern sagen können. Wir sind leicht verärgert und entschließen uns, da wir Zeit haben, selbst zu rudern. Die Strecke, quer über den lang gestreckten See ist vier Kilometer lang und es gibt drei Ruderboote. Eins liegt auf unserer Seite und zwei an dem gegenüber liegenden Ufer. Alle passen wir nicht in das eine Boot. Da wir sowieso ein Boot wieder zurückbringen müssen, rudern wir erst einmal mit der "halben Mannschaft". Torsten, Hartmut, Uwe, Tobias und ich sind der erste Trupp. Michael und Jörg warten. Der Wind bläst kräftig von der Seite. Wellen mit Schaumkronen türmen sich auf. Da müssen wir schon ganz schön gegenhalten um nicht abzutreiben. Am anderen Ufer liegen tatsächlich zwei Boote. Ein beschädigtes Ruder tauscht Uwe aus. Uwe und ich beginnen jetzt, jeder in einem Boot, an das andere Ufer zurückzurudern. Die unbeladenen Boote liegen nicht mehr so tief im Wasser. Der starke Wind hat jetzt eine noch größere Angriffsfläche. Wir müssen so steil gegen den Wind anrudern, dass wir kaum vorankommen. Aus der kleinen sportlichen Einlage wird ein Ausdauertraining. Plötzlich mitten auf dem See rutscht mir die linke Dolle aus der Halterung, fällt über Bord und versinkt im Wasser. Glücklicherweise hat mein Boot am Heck zwei weitere provisorisch angebrachte Riemenhalterun-gen aus Holz. Ich setze mich nach hinten. Der Bug des Bootes hebt sich so weit aus dem Wasser das ich zum Spielball für die Wellen und den Wind werde und kaum noch vorankomme. Mein kleiner Vorsprung gegenüber Uwe ist schnell eingebüßt. Ich rudere nur noch auf der Stelle und meine Kräfte schwinden. Wenn ich jetzt nur eine Pause einlegen könnte. Aber der Wind drückt unerbittlich. Ich komme nicht mehr gegen den Wind an, gebe den Steg als Ziel auf und erreiche mühsam eine kleine Insel in Ufernähe. Auf der Leeseite der Insel kann ich pausieren und eine kleine Tafel Schokolade als Kraftfutter für den Rest der Strecke in Ruhe verspeisen. Endlich habe ich auch Zeit die drei kleinen Splitter vom Ruder aus meiner linken Hand zu ziehen. Mein Zeitgefühl ist völlig verloren gegangen. Die Arme sind dick, die Handflächen rot und zum Ufer ist es noch ein gutes Stückchen hin. Wenn ich jetzt das Boot dem Wind und den Wellen überlasse, würde es auf dem langen See weit abtreiben. Ich rudere aus dem Windschatten der Insel und versuche erneut gegen den Wind anzukommen. Es gelingt mir nicht.
Das Ufer erreiche ich weitab vom Steg. Mit hochgekrempelten Hosenbeinen beginne ich das Boot am Ufer entlang zu treideln. Der Wind drückt das Boot seitlich ans Ufer. Um voranzukommen, muss ich tiefer ins Wasser. Meine Hose behalte ich an, weil das Wasser so kalt ist. Ich rutsche zwischen zwei großen Steinen in eine Spalte und verschwinde bis zu den Hüften im eiskalten Wasser. Jetzt ist mir alles egal, nur schnell zu den Anderen, raus aus dem kalten Wasser und den nassen Sachen. Als ich den Steg erreiche, ist Uwe schon längst da. Meine Sachen sind völlig durchnässt. Von Michael bekomme ich eine Fließjacke und von Jörg eine lange Hose. Wir haben nur den etwas südlicher liegenden Steg, für das Motorboot erreicht. Wir lassen das beschädigte Boot dort liegen und benutzen Uwes Boot für die letzte Überfahrt. Bibbernd lege ich mich in den Bug des Bootes um ein bisschen Schutz vor dem kalten Wind zu haben. Das Boot liegt jetzt tiefer im Wasser, und wir kommen gut voran.
Bei fast jedem Ruderschlag werde ich ein wenig nass gespritzt. Als wir endlich das Ufer erreichen, bin ich wieder tropfnass und fast durchgefroren. In einer beheizbaren Schutzhütte hat Tobias den Ofen kräftig eingeheizt. Es ist warm wie in einer Sauna. Jetzt kann ich auch die nassen Schuhe endlich ausziehen. Das kalte Wasser plätschert heraus, als ich sie umdrehe. Meine nassen Klamotten hänge ich über dem Ofen auf. Schnell kocht das Wasser auf dem glühenden Ofen. Der heiße Tee mit Rum und Zucker von Hartmut lässt die Lebensgeister langsam zurückkehren. Schluck für Schluck wird mir wohler und wärmer. Eine heiße Mahlzeit ist auch schnell bereitet. Dem immer noch schmeckenden Kartoffelbrei mit Salami und Knoblauch wird heute noch ein besonderes Extra hinzugefügt - eine Minipackung mit Leerdammer Käse. Michael hat doch wirklich Käse durch den Sarek geschleppt und verteilt Minipackungen an alle. Nach dem Essen sind meine Sachen auf der Leine über dem Ofen schon trocken, ich kann sie wieder anziehen. Nur meine Schuhe sind noch ein bisschen feucht, aber das stört nicht weiter.
Ein Stückchen laufen wir noch über den Kungsleden. An einem plätschernden Bach, in der Nähe einer Holzbrücke, finden wir einen brauchbaren Zeltplatz für die kommende Nacht. Schnell sind die Zelte aufgestellt, das Kletterseil als Wäscheleine zwischen den Bäumen gespannt und der pralle, mit frischem Wasser gefüllte Wassersack von Hartmut an einem zentralen Baum aufgehängt. Tobias hat auf einer alten Feuerstelle schnell ein kleines Feuerchen entfacht. Ein paar Bretter zum Sitzen sind auch schnell gefunden und aufgestellt. In gemütlicher Runde um das Feuer löffeln wir unsere Tütensuppen. Und bei mit Rum verdünntem Tee, werden die Ereignisse des Tages ausgewertet. Uwe und ich zeigen sich gegenseitig die Blasen an den Händen.

26.07.06 - Am Kungsleden kurz hinter der Bárdde-Hütte

Als Hartmut uns kurz nach acht weckt, ist es schon angenehm warm und die Sonne strahlt am blauen Himmel. Das Einpacken nach dem Frühstück ist nach den vielen Urlaubstagen schon reine Routine. Die sonst griffbereiten Regensachen, liegen wegen des anhaltend guten Wetters inzwischen ganz unten im Rucksack. In freudiger Erwartung auf ein frisches Bier am Abend ziehen wir los. Der Zustand des ansonsten gut ausgebauten Kungsleden ist nicht mehr der Beste. Trotz alledem kommen wir gut voran. Wir erreichen die Hütte und suchen Plätze für unsere Zelte. Uwe erkundet die Einkaufsmöglichkeiten und stellt fest: "Es stehen da nur drei leere Bierbüchsen herum und zu kaufen gibt es gar nichts."
Ein junger unfreundlicher Hüttenwart sagt Ihm: "Was zu trinken gibt es hier nur aus dem See." Für uns ist es der unfreundlichste Schwede in diesem Urlaub. Ein Hubschrauber nähert sich mit lautem Getöse und landet in der Nähe der Hütte. Bringt er vielleicht etwas zum Trinken? Leider nicht. Wozu sollen wir an so einem garstigen Ort länger verweilen. Schlechte Standplätze für Zelte und obendrein noch eine Gebühr! Nach kurzem Überlegen, entschließen wir uns, noch ein Stückchen weiter zu ziehen. Wir packen die zum Teil schon ausgepackten Zelte wieder ein, schultern dir Rucksäcke und finden eine Zeltstelle in der Nähe unseres Weges an einem klaren, kleinen Fluss.


27.07.06 - Zurück in Gällivare
Morgens beim Waschen sehe ich eine fleischfressende Pflanze an der Wasserstelle. Es ist das gleiche Fettkraut über das mein Cousin am Anfang dieses Jahres seine Doktorarbeit geschrieben hat. Er hat die Lebensbedin-gungen dieser Pflanze in Balmen in der Tarnschlucht in Frankreich untersucht. Balmen sind Holräume unter überhängenden Felsen, wo kein Regenwasser hinkommen kann. Das Fettkraut bezieht seine Feuchtigkeit an diesen Stellen nur aus den gefangenen Insekten und durch hohe Luftfeuchtigkeit. Heute Abend werden wir in Gällivare wieder warm duschen und in der Sauna schwitzen können. Der Zugangscode ist nicht vergessen, falls wir zu spät kommen und die Anmeldung nicht mehr besetzt ist. Nach dem letzten gemeinsamen Frühstück in der Wildnis von Nordschweden, geht es munter an die letzte Etappe. Alles was wir uns zu erzählen hatten, haben wir uns längst gesagt. Schweigend trotten wir, wie aufgefädelt auf einer Perlenkette - dem Herdentrieb folgend - hintereinander her.
Die Kontrolle über das Setzen der Füße, hat inzwischen längst das Rückenmark übernommen.
Ein großer klarer See mit einer kleinen Insel in Ufernähe lädt zum Verweilen ein und wir pausieren ein wenig. Der Ausblick über den glitzernden See ist wunderschön. Auf der kleinen Insel steht einsam eine einzelne Tanne und am Horizont sind die hohen Gipfel des angrenzenden Padjalanta zu erkennen. Neue Urlaubspläne werden geschmiedet ... Die letzten Kilometer geht es bergab und wir werden immer schneller. Uwe schaltet einen Gang zurück, weil seine Füße zu brennen beginnen. n Kvikkjokk angekommen, finden wir schnell die Lokalität, in die vor zwei Jahren schon Michael, Jörg, Hartmut und Torsten eingefallen sind. Es gibt Fastfood, Bier und Eis, eigentlich fast alles, was wir so lange entbehren mussten.
Irgendwie ist es schön, sich nach so einem berauschenden, naturnahen Urlaub unter freiem Himmel, wieder auf seine Wohnung mit Kühl-schrank, warmer Dusche und bequemen Bett freuen zu können. Dagegen ist doch jemand, der nach 14 Tagen "Last-Minute-Luxusurlaub" wieder zu Hause ankommt, meistens frustriert, weil er alle die für ihn so ungewohnten "Annehmlichkeiten" wieder aufgeben muss. Vier Wochen insgesamt, habe ich in diesem Jahr schon auf meiner Luftmatratze genächtigt, dieses steigert ungeheuerlich mein Verlangen, mich endlich wieder in meinem großen bequemen Bett ausstrecken zu können. Mit dem Bus fahren wir zurück über Jokkmokk nach Gällivare zu unserem Basislager.
Die Anmeldung am Zeltplatz in Gällivare ist diesmal besetzt. Die Übernachtung ist preiswerter als wir annehmen. Für nur fünf Euro am Tag darf man Dusche, Sauna, Küche, Waschmaschine und Trockner benutzen. Nach dem Aufbau unserer Zelte nutzen wir ausgiebig die warmen Duschen für die längst überfällige Ganzkörperreinigung. Tobias, Uwe, Michael und ich saunieren dann noch ein wenig. Völlig relaxt und entspannt lassen wir bei ein paar Büchsen süffigem Leichtbier die Tour Revue passieren.

28.07.06 - Zeltplatz Gällivare

Die wärmende Sonne heizt das Zelt auf und treibt mich am Morgen nach draußen. Ein älteres behäbiges Ehepaar hat ein Indianerzelt in der Nähe der sanitären Einrichtung aufgestellt. Bei ihnen geht alles etwas langsamer, aber sie haben ja Zeit. Sie spielen Karten und strahlen eine selten zu erlebende Zufriedenheit aus. Tobias nutzt es, mal wieder so richtig auszuschlafen. So gehe ich ohne ihn in den Supermarkt zum Einkaufen. Von diesem ungewohnt reichhaltigen Angebot werde ich richtig geblendet. Am liebsten möchte ich alles mitnehmen. Mit vollen Beuteln komme ich zurück auf den Zeltplatz. Tobias schläft immer noch. In der Rezeption erfahre ich, dass der Wäscheraum die nächsten zwei Stunden noch frei ist. Schnell sind die schmutzigsten, unangenehm duftenden Sachen in die Waschmaschine gestopft.
Zwei aufgetakelte beleibte Zigeunermatronen stellen Ihre bunten Kleider zur Schau. Sie torkeln über den Zeltplatz, beschlagnahmen die ganze Küche und scheinen für eine Großfamilie zu kochen. Ich finde kaum Platz, unser Mittagbrot vorzubereiten. Nach dem vielen Trockenfutter gibt es heute leckeren Schafskäsesalat mit Gurken, Paprika, Tomaten und natürlich reichlich Knoblauch. Außerdem bereite ich noch ein leckeres Rührei. So wie die korpulenten Frauen aussehen, kochen sie auch. Deftige fettige Küche. Schmatzend sind sie ständig am Kosten. Als ihre beiden vornehm wirkenden Männer, in billigen Jacketts steckend und mit Hüten versehen, erscheinen und Platz nehmen, bin ich froh, mit meinem zubereitetem Mittagbrot den Raum verlassen zu können.
Abends kommen die Anderen satt und zufrieden vom Chinesen zurück. Wir setzen uns zusammen und genießen den letzten Abend - nördlich des Polarkreises. Michael erklärt und zeigt mit zwei Bierbüchsen, warum es auf dem Südpol keine Polarnacht geben kann. Weiterhin gibt er eine für ihn wichtige Erklärung ab: "Erst wenn ich auf dem Kilimandscharo gewesen bin, könnte ich mir vorstellen, ans Heiraten zu denken." Die für uns lustige Unterhaltung kann bestimmt der ganze Zeltplatz mithören.

29.07.06 Tag - Im Zug nach Stockholm
Ganz früh am Morgen schleicht Hartmut über den Zeltplatz. Das nicht endende orangefarbene Abendrot geht stufenlos in das frühe Morgenrot über. Etwas wehmütig nimmt er Abschied von seinem geliebten Lappland und fotografiert die Morgendämmerung. Er hat seiner Frau versprochen, sie das letzte Mal so lange alleine gelassen zu haben. Uwe steht heute zeitig auf. Er will nach Stockholm fliegen. Die senile Bettflucht plagt mich schon wieder und so habe ich Zeit, ihn zu verabschieden. Er trifft sich mit seiner Frau und will mit Ihr noch ein paar Tage bei Freunden, die nach Schweden ausgewandert sind, verbringen. Unser Zug fährt erst nachmittags von Gällivare nach Boden. So haben wir Zeit, Gällivare zu erkunden und uns mit fester und flüssiger Nahrung für die lange Zugfahrt einzudecken. Ab Boden haben wir Liegewagenplätze bis Stockholm. Es wird zum ersten Mal nachts wieder dunkel. Unglaublich, wie angenehm es zu erleben ist, dass es wieder einmal richtig dunkel werden kann. Der Zug rattert durch die nur für kurze Zeit anhaltende Dunkelheit. Die wenigen Ortschaften an der Strecke sind hell erleuchtet. Das viele elektrische Licht in der Nacht ist typisch für diese Gegend. Es gibt in Nordschweden eben nicht nur die schönen langen Tage im Sommer, sondern auch die ewig andauernden Nächte in der dunklen Jahreszeit im Winter.


30.07.06 - Nach Hause

Das schöne Wetter will nicht enden. Die vielen vorüber ziehenden Seen glitzern im Morgenrot und spiegeln den herrlichen Sonnenaufgang. Im Wagon wird es unruhig. Der Andrang vor der Toilette wird groß. Alle Reisenden wollen die kleine Toilette wie ihr großes Bad zu Hause in Beschlag nehmen. Mit Handtuch über der Schulter und Beauty Case bewaffnet, stehen sie drängelnd in der Schlange. Eine vollschlanke Dame mit dem Lichtraumprofil des Ganges bahnt sich ihren Weg. Alle Fahrgäste müssen in die Abteile zurück, damit sie durchkommt. Schrecklich diese Schlange vor dem Örtchen, wenn man einfach, nur schnell mal dringend Wasser lassen muss! Kurz vor dem Erreichen von Stockholm entspannt sich die Lage. Alle haben mehr oder weniger ihre Katzenwäsche erledigt und konzentrieren sich auf ihr Gepäck.
Der Zug erreicht Stockholm. Wir steigen um in den Zubringer zum Flugplatz. Micha nutzt die Toilette auf dem Flugplatz, um die notdürftige Katzenwäsche vom Zug ein wenig zu ergänzen. Er wäscht sich vom Scheitel bis zum Bauchnabel und trocknet sich mit Papiertüchern ab. Hartmut ist beeindruckt und verschwindet ebenfalls auf der Toilette. Auch er macht sich frisch und schmuck. Er erscheint wieder wie ein abgelutschter Kater, mit frischem karierten, kurzärmligen Hemd, Pomade und scharf gezogenem Scheitel. Da noch ein bisschen Zeit bis zum Abflug ist, nutze auch ich diese, gegenüber dem Örtchen im Zug, recht komfortable Waschgelegenheit und stelle dabei fest, dass sich die Haare prima unter dem Händetrockner fönen lassen. Im Flieger ergattern Tobias und ich wie schon beim Hinflug Plätze am Notausstieg. Der Abstand zu den vorgeordneten Sitzen ist etwas größer, da können wir prima die Beine ausstrecken und bequem sitzen. Mein neuer Zimmerkollege aus Nürnberg hatte mir diesen Tipp gegeben. Das Flugzeug landet am frühen Nachmittag in Berlin-Schönefeld. Die Bahn bringt uns wieder zurück nach Magdeburg. Ein schöner Männerurlaub mit all seinen Freiheiten geht zu Ende. ...
Unsere Frauen haben uns wieder. ...



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