Nach über zwanzig Jahren hat sich mir erneut die Möglichkeit erschlossen Belgrad zu besuchen. Die Erinnerungen an die Stadt selbst sind verblasst - dennoch ist eine Begegnung von damals bis heute in mir lebendig. Belgrad war damals eine Station einer grossen dreimonatigen Reise mit dem Rucksack - zu Fuss oder mit Zug und Bus durch Osteuropa und Kleinasien. Wir verweilten zwei oder drei Tage in der Hauptstadt des damals noch existierenden Jugoslawien. Dort angekommen, waren wir ziemlich zerzaust von einem Künstler - dessen Namen ich vergessen habe - eingeladen und in sein Haus aufgenommen worden. Die Unterkunft hatte so gar nicht unseren Vorstellungen vom Osten entsprochen denn wir schliefen in einem Haus welches man getrost als Villa bezeichnen kann: geräuming und hübsch. Die Einrichtung spartanisch aber edel. Im Wohnzimmer befand sich ein Sofa und eine ausgezeichnete Stereo-Anlage. Unser Gastgeber war Jazz-Liebhaber, politisch sehr interessiert und immer für ein Gespräch zu haben. Dieser Künstler erzählte lange und viel von den Problemen im Vielvölkerstaat Jugoslawien, von den vielen Ethnien und Regionen. Leider kann ich mich nicht mehr an seine Schlussfolgerungen erinnern, war mir diese Problematik doch recht fremd und somit schlecht einordbar. Dennoch, im Rückblick der sich dann abspielenden Geschichte würde ich mich nun gerne an  Details der Gespräche dieser Begegnung erinnern. Was mir aber geblieben ist - ist ein wohlig warmes Gefühl zu dieser Stadt und ich war gespannt wie sich mir all dies heute darstellen würde.

Am Morgen des ersten Tages hatte ich nicht das Gefühl mit Freundlichkeit überschüttet zu werden. Geplant war eine Tour mit dem Bus in die Stadt - und so bin ich wacker losgelaufen und habe an der Bushaltestelle nach dem Weg Richtung Zentrum gefragt. Der Gefragte liess keinen Zweifel an seiner Kompetenz aufkommen - schickte mich aber in die falsche Richtung. Erst als die Umgebung so gar nicht mehr nach Stadt aussah realisierte ich die "Hinterhältigkeit" und verliess den Bus. Ausgestiegen fragte ich abermals einen Passanten nach dem Weg. Dieser antwortete in prächtigem Schweizerdeutsch - hatte er doch fünf Jahre lang in Basel gearbeitet. Er wollte mich gar nicht mehr gehen lassen. Erst als der entgegenkommende Bus gefährlich nahte konnte ich mich vom diesem freundlichen Herrn losreissen und befand mich dann in korrekter Richung in einem Bus Richtung Innenstadt. Um mich herum lebendiges Leben, angeregte Gespräche und die Erkenntnis: Handys sind eine Geissel der Menschheit. Aus drei Richtungen wurde ich durch diese Telefone mit unterschiedlichen Klängen beschallt. Im Gesicht desjenigen mit dem aufdringlichsten Beschallungsapparat war eindeutig eine überlegene Genugtuung zu erkennen - wenngleich hier die Musik nun sicherlich die schlechteste war. Irgendwann bin ich ausgestiegen. Zu Fuss und in aller Ruhe sollte es weitergehen. Es war eine gute Entscheidung. Wer den dann gegangenen Weg mitverfolgen will, der mag sich durch die Fotos klicken, die hier ausgestellt sind. Besonders erwähnenwert scheint mir der Umstand, dass Belgrad seit dem Jahr 1521 viele lange Jahre von den Türken besetzt war. Erst 1867 wurden die Stadtschlüssel durch Sultan Mahmut II - nach langjährigem Befreiungskampf - an die Serben übergeben. Orientalische Spuren habe ich auf meinen Spaziergängen keine mehr vorgefunden. Wahrscheinlich bin ich eben solche Wege mit Zeugnissen dieser Zeit nicht gegangen. Flanieren kann man offensichtlich nicht nur in Paris oder Vendig. Die Belgrader Bevölkerung hat diese besondere Art der Fortbewegung für die Innenstadt zur Bevorzugten erklärt. Viele Liebespaare in den Parks - viele Menschen auf den Strassen - eine angenehme Lebendigkeit. Dies mag auch den oft beengten Lebensverhältnissen geschuldet sein. Es ist keine Seltenheit, dass eine Wohnung von mehreren Generationen bewohnt wird. Da werden die Freiräume ausserhalb der Wohnung gesucht und auch gefunden.

Was ist ein Besuch in einer fremden Stadt ohne einen weitenden Blick. Geplant war also ein Ausflug aufs „Land“. Schon beim Herausfahren aus Belgrad sticht die allgegenwärtige Bautätigkeit ins Auge. Gebaut wird offensichtlich in grösserem Massstab. Viele der Häuser, selbst in kleineren Dörfern, sind „üppig“ dimensioniert. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich viele dieser Häuser als "Projekte", die über ein „Beta“-Stadium nicht hinausgekommen sind. Fenster fehlen, Putz, ganze Stockwerke waren zwar geplant und sind in den Grundzügen vorhanden, allerdings scheint in der Zwischenzeit das Geld ausgegangen zu sein. In Serbien selbst leben ca. 6.5 Mio. Serben. Weitere ca. 3.5 Mio. Menschen serbischer Herkunft leben in den USA, Kanada, Australien, Deutschland, Österreich, Schweden und der Schweiz.

Das Umland von Belgrad ist Hügelland. Bestens geeignet für Fahrrad-Touren in schön geschwungener Landschaft! Unser erstes Ziel war der Avala (kyrill. Авала). Ein ca. 500 m hoher Berg welcher 1938 ein Mausoleum, zum Gedenken an die serbischen Helden des ersten Weltkriegs, auf die Spitze gesetzt bekam. Das „Grabmal des Unbekannten Soldaten“ (Споменик Незнаном јунаку на Авали) wurde von dem Kroaten „Ivan Meštrovic“ konzipiert. Die acht Frauen symbolisieren: „Kingdom of Serbs, Croats, and Slovenes: Serbs - Šumadinka, Panonka, Crnogorka, Kosovka; Croats - Dalmatinka, Zagorka; one Slovenian and one Macedonian“ (Wikipedia.org – 2008). Nicht weit vom Denkmal entfernt wird der von der NATO im Kosovo-Krieg zerstörte Fernsehturm „Avala“ wieder aufgebaut. Immerhin ist der Fernsehturm nach dem Worldtrade Center in New York – mit ca. 135 m das zweit höchste Gebäude, welches durch kriegerische Handlung zerstört wurde.

In der Schweiz gibt es ca. 120 000, der orthodoxen Kirche zugerechnete, Gläubige. Zumeist sollen es Serben sein. Auf dem Weg zum Berg Kosmaj sind wir im Kloster „Tresije“ (manastir tresije kraj Nemenikuce) einer Frau begegnet die sich nach einigem Zureden eines anwesenden Mönches als deutsch sprechend geouted hat. Was wir dann zu Ohren bekamen war allerdings deutsch. Und zwar die Unterart, die jedem Schweizer – wenn er in Ausland unterwegs ist Freudentränen in die Augen treibt. Eine Serbin, die seit 25 Jahren in der Nähe von Zürich lebt und ganz offen hörbar - die Grundzüge des Schwizerdütsch bis ins Mark verinnerlicht hat. Es gab Kaffee und Kuchen – dazu etwas Wärme und einen Eindruck von einer orthodoxen Gemeinde nach der Messe.



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